Für alle Leser habe ich hier ein ganz besonderes Häppchen, Virginia Fox hat mir freundlicherweise (vielen lieben Dank dafür) das 1. Kapitel für Euch zur Verfügung gestellt.

Viel Spaß beim lesen! Fiebert schon einmal dem Veröffentlichungsdatum entgegen!

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Rocky Mountain Crime (Band 11) by: Virginia Fox Beste Freunde mit gewissen Vorzügen. Eigentlich eine hervorragende Idee, dachte sich die ehemalige FBI-Agentin Valentina, würde sich Big A nicht auf einmal seltsam verhalten. Wohin verschwindet er abends immer öfters auf seinem Motorrad? Trifft er sich etwa mit einer anderen?

Entschlossen, die Wahrheit heraus zu finden, macht sich Valentina daran, der Sache auf den Grund zu gehen.

Ali Khouri, von allen nur Big A genannt, genießt sein neues Leben in den Rocky Mountains. Ein stressfreier Job, eine tolle Frau, was will Mann mehr vom Leben? Doch dann macht er die Entdeckung, dass selbst in der heilen Welt von Independence nicht alles so friedlich ist, wie es scheint. Zusammen mit seinen Bikerfreunden nimmt er die Gerechtigkeit in die eigene Hand.

Plötzlich treffen die sorgfältig voneinander getrennten Welten aufeinander und bedrohen das, was beide so lange für selbstverständlich gehalten haben.

Rocky Mountain Crime ist der elfte Band der humorvollen Rocky Mountain Serie der Erfolgsautorin Virginia Fox.

Rocky Mountain Crime, © 2017 by Virginia Fox (Band 11 der Rocky Mountain Serie)

Kapitel 1

Valentina Alvarez saß im Diner am Tresen und starrte in die armseligen Reste ihres schal gewordenen Biers. Eigentlich hätte ein Tag wie dieser Whiskey verdient, dachte sie. Kein popeliges Bier. Aber nachdem noch nicht einmal fünf Uhr war… Sie führte den Gedanken nicht zu Ende. Zu deprimierend. Samstagnachmittag und das einzige, was sie in Punkto Wochenendpläne vorzuweisen hatte, war ein neuer vierbeiniger Begleiter. Ein einäugiger, vierbeiniger Begleiter. Sie schielte zu Bodo hinunter. Der schon etwas in die Jahre gekommene, behäbige Basset mit den Ohren, die kein Ende zu nehmen schienen und der vernarbten Augenhöhle, wo sich einmal sein linkes Auge befunden hatte, schlief zusammen gerollt neben ihrem Barhocker. Eigentlich wusste sie bis jetzt nicht, was sie dazu bewogen hatte, ihn mit zu sich nach Hause zu nehmen.

Jeden Samstagmorgen leistete sie im Safe Haven, dem örtlichen Tierheim, Freiwilligendienst. Das Tierheim wurde von Kat geführt, der Freundin des Bruders ihres ehemaligen Chefs und jetzigen Firmenpartners. Klang kompliziert, war es aber nicht. Vor eineinhalb Jahren hatte sie zusammen mit Cole Carter (der mit dem Bruder), Big A und Avery für das FBI gemeinsam an einem Fall gearbeitet. Damals war Cole noch ihr Chef gewesen. Doch nachdem er und Avery kurz danach geheiratet und ihre Pläne bekanntgemacht hatten, hier in dem verschlafenen Wintersportort Independence, wo sie aufgewachsen waren, eine Sicherheitsfirma zu gründen, hatten Big A und sie die Chance ergriffen, dem FBI und seinen starren Regeln den Rücken zu kehren und sich als gleichwertige Partner in die neue Firma einzukaufen.

Jetzt waren sie beide hier. Sie und Big A. Zwei völlige Großstadtpflanzen, beide in L.A. geboren und aufgewachsen, beide nur knapp dem Ghetto, aus dem sie stammten, entkommen, mitten in den Rocky Mountains. Auch wenn die meisten Leute ihr freundlich und sehr offen begegneten, kam sie sich oft so fremd vor, wie ein Gänseblümchen in der Betonwüste. Während in L.A. eine maximale kulturelle Vielfalt herrschte, fielen Big A und sie hier in den Bergen auf wie bunte Hunde. Sie mit ihren lateinamerikanischen Wurzeln und Big A, der problemlos Mr. T’s Rolle in der alten Fernsehserie Das A-Team aus den Achtzigerjahren übernehmen konnte. Big A’s richtiger Name war Ali, doch niemand nannte ihn so.

Sie runzelte die Stirn. Weshalb eigentlich nicht? Vielleicht sollte sie ihn das einmal fragen. Überhaupt wäre reden vermutlich eine ganz gute Idee. Auch wenn der Sex noch so fantastisch war. Vielleicht sollte sie einen Ratgeber schreiben, dachte sie düster. Schweigen und Sex – die Geheimzutat für ein erfolgreiches Zusammenleben. Allerdings erforderte zumindest das eine wenigstens die gleichzeitige Anwesenheit von beiden Beteiligten. Außer… Sie erstickte die aufsteigende Angst, Big A würde bei seinen mysteriösen Abendausflügen zu einer anderen Frau verschwinden, resolut. Das würde er nicht machen. So war er nicht. Wenn er nicht mehr zufrieden war mit ihrem… ihrem Arrangement wäre. Sie rümpfte die Nase, als sie sich das verhasste Wort durch den Kopf gehen ließ. Unzufrieden schob sie ihr Glas auf dem Tresen hin und her. Vor und zurück. Vor und zurück.

„Mädchen, du brauchst dringend ein neues Bier! Du treibst mich ja noch in den Wahnsinn mit all dem Lärm, den du mit deinem leeren Glas fabrizierst“, wetterte Dagobert, der nicht weit von ihr ebenfalls am Tresen saß und in sein Bier starrte. Im Gegensatz zu ihr tat er das allerdings leise und unauffällig.

Dagobert war ein stadtbekanntes Faktotum. Ein in die Jahre gekommener Säufer, sein Alter wurde vorsichtig auf über neunzig geschätzt, der es auf seine Art geschafft hatte, sich den Respekt vor den anderen Einwohnern zu bewahren. Es wurde auch gemunkelt, dass er unermesslich reich sei, obwohl er in einem klapprigen Trailer am Ortsrand wohnte. Gut möglich, dass an den Gerüchten etwas dran war. So viel sie wusste, war es seine „anonyme“ Spende gewesen, die den Startschuss für Kats Tierheim gegeben hatte. Und wenn sie sich nicht völlig täuschte, hatte er auch bei der erst letztes Jahr gegründeten Vereinigung für die Geschäftsfrauen von Independence, kurz VGI genannt, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, weibliche Geschäfte in Independence zu fördern, seine Finger drin. Zwar war er keine Frau, doch aus irgendeinem Grund machte es ihm Spaß, einen Gegenpool zu dem zu setzen, was er das Good-Old-Boy-Network (Altherrenriege?) nannte.

Die Brüderschaft unter Männern, die Frauen per se ausschloss, dachte sie grimmig. Das kannte sie nur zu gut, aus ihrer Zeit beim FBI. Sie hatte sich immer glücklich geschätzt, mit Big A und Cole zusammen zu arbeiten. Die beiden hatten ihr nie das Gefühl gegeben, weniger Wert zu sein, nur weil sie einen anderen Chromosomensatz besaß. Allerdings hatte sie die dumpfe Vorahnung, dass sich das in der letzten Zeit geändert hatte. Zumindest hielt es Big A es nicht mehr für nötig, sie über sein Kommen und Gehen zu informieren.

Sie ließ ihren Kopf in die Hände fallen und stöhnte leise. Das musste er natürlich auch nicht. Sie war ja nicht seine Mutter. Aber ein Minimum an Austausch wäre schon schön, wenn man im selben Haus wohnte. Vor allem, wenn man gleichzeitig auch noch miteinander ins Bett ging. Das veränderte doch Dinge, oder etwa nicht?

„Wenn ich mir dich so ansehe, brauchst du vielleicht eher etwas Stärkeres“, meinte Dagobert mit kritischem Blick, als sie ihm nicht antwortete und weiterhin scheinbar fasziniert die Pfütze in ihrem Glas studierte.

„Papperlapapp“, schaltete sich eine weibliche Stimme ein. „Was weißt du schon von den delikaten Gefühlen einer Frau!“

Für einen kurzen Moment zog ein Schatten über Dagoberts Augen. Doch gleich darauf war die Verletzlichkeit in seinem Blick wieder verschwunden und er funkelte die Eve Lartimer, zu der die Stimme gehörte, böse an.

Valentina ließ sich davon jedoch nicht täuschen. Menschen zu lesen gehörte zu ihrem Beruf. Das konnte sie nicht einfach ablegen. Welche Geschichte mochte wohl hinter Dagoberts verloren wirkenden Gesichtsausdruck stecken?

Eve legte eine Hand auf Valentinas Arm und riss sie aus ihren Grübeleien.

Trotz ihrer eigenen schwermütigen Stimmung amüsiert, drehte sich Valentina zu ihr um. Ihre schlechte Laune, die sie die letzte Stunde gehegt und gepflegt hatte, war dahin. Das war gar nicht anders möglich, wenn man mit Eve Lartimer, einem anderen Original der Stadt, konfrontiert wurde. Insgeheim war Eve ihr Vorbild. Sollte sie wider Erwarten doch noch irgendwann erwachsen werden, wollte sie so sein wie sie.

Wie Dagobert war auch Eve schon ziemlich alt. Fünfundneunzig Jahre, war die am öftesten geäußerte Schätzung. Eve selber hatte die Zahl nie bestätigt. Wie immer war sie tadellos gekleidet. Dramatischer roter Lippenstift zierte ihre Lippen. Auf ihren silbernen Haaren thronte ein kleiner, runder Hut, mit einem Schleier, der ihr schräg übers Gesicht fiel. Die schneeweißen Haare darunter, waren in einem steilen Bob geschnitten und betonten ihre Wangenknochen. Gekleidet war sie in ein dunkelblaues Etuikleid, über welchem sie ein figurbetontes Jäckchen trug. Eine kleine Handtasche über ihrem Arm, sowie weiße Baumwollhandschuhe vervollständigten das Bild.

Sie strahlte von Kopf bis Fuß Eleganz aus. Immer noch bewegte sie sich so leichtfüßig, wie sie es jahrzehntelang als Tänzerin getan hatte. Wenn die Gerüchteküche stimmte, hatte sie sich inzwischen auf Yoga verlegt und besuchte regelmäßig Jaz Carters, (ganz genau, eine Schwester von Cole, die Carters waren überall, so groß war diese Familie), Yoga-Studio. Dort lehrte sie sämtlichen anderen Schülern das Fürchten. Trotz ihres damenhaften Auftretens nahm die alte Dame kein Blatt vor den Mund.

„Ach wisst ihr“, pflegte sie zu sagen, „wenn man erst einmal so alt ist wie ich, hat man keine Zeit mehr, ständig um den heißen Brei herum zu reden. Und wenn das jemandem nicht passt, dann um so besser. Dann stiehlt er mir nicht mehr seine kostbare Zeit mit seinem Geplapper.“

Diese Einstellung erklärte wahrscheinlich auch ihren Mut zu deutlich jüngeren Liebhabern, vermutete Valentina. Es war ihr einfach egal, was die anderen dachten. Sie lebte ihr Leben so, wie es ihr gerade passte. Eben. Bewundernswert.

„Was ist denn los, Kind?“

„Kind?“, fragte Valentina belustigt.

Sie deutete auf Dagobert.

„Erst nennt er mich Mädchen? Und jetzt du mich Kind? Ich muss heute Morgen in einen Jungbrunnen gefallen sein.“

„Den musst du mir bei Gelegenheit unbedingt zeigen“, meinte Eve und zwinkerte ihr zu.

„Was ist jetzt? Kümmerst du dich darum, dass sie einen Drink bekommt, oder was?“ Dagobert schien es nicht zu schätzen, dass Eve sich einfach so in seinen Versuch, eine Unterhaltung zu starten, eingeklinkt hatte.

„Wir nehmen beide gerne einen Cosmopolitan“, ließ ihn Eve mit einer hoheitsvollen Handbewegung wissen.

„Ihr nehmt beide…“, wieder holte der Alte ungläubig und hustete. Offenbar war ihm sein eigenes Bier in den falschen Hals gekommen.

„Ihr nehmt beide…“, wieder holte er ungläubig.

Eve lächelte ihn nur an und wartete geduldig ab. Wie erwartet schüttelte Dagobert schließlich resigniert, und vielleicht auch ein kleines bisschen amüsiert, den Kopf. Mit zwei Fingern winkte er Miss Minnie, die zusammen mit ihrer Schwester Miss Daisy das Lokal betrieb, heran und bestellte das Gewünschte.

Fasziniert beobachtete Valentina das Zwischenspiel. Erst als klar wurde, dass keine weiteren Höflichkeiten ausgetauscht werden würden, wandte sie sich der anderen Frau zu.

„Du bist einfach unglaublich“, meinte sie bewundernd. Eigentlich solltest du Workshops durchführen. Wie man Männer dazu bringt, Frau aus der Hand zu fressen.

„Ach, das ist doch gar nichts“, meinte Eve wegwerfend. „Das gehört zum Basiswissen jeder Frau.“

„Wenn du meinst“, antwortete Valentina skeptisch. „Ich wage zu behaupten, dass diese weibliche Kunst in den letzten zwei Generationen verloren gegangen ist.“

„Zwei?“, plusterte sich Eve gespielt entrüstet auf. „Nennst du mich etwa alt?“

„Äh, also… ich“, versuchte sie ihre Aussage zu retten, doch auf die Schnelle wollte ihr partout nichts Gescheites einfallen. Typisch. Dafür würde später, wenn sie versuchte einzuschlafen, eine ganze Armada von schlagfertigen Sprüchen durch ihr müdes Hirn wandern.

Eve sah ein paar Sekunden zu, wie die jüngere Frau sich unbehaglich auf ihrem Hocker wand, bis sie Mitleid mit ihr hatte.

„Keine Sorge. Mein Ego hält das tatsächlich aus. Ich habe nur Spaß gemacht.“

„Puh. Da bin ich aber froh“, antwortete Valentina erleichtert und meinte das durchaus ernst.

Bei den meisten Leuten war ihr völlig egal, was diese von ihr dachten. Doch Eve vor den Kopf zu stoßen, war einfach unvorstellbar. Das tat man einfach nicht. Auch wenn Eve selber sich in keiner Weise an diese Regel hielt und fröhlich links und rechts ihre Meinung zum Besten gab. Das Privileg des… sie traute sich fast nicht, das auch nur zu denken, aber ja, des Alters. Sie hoffte, dass Gedankenlesen nicht zu Eves großem Repertoire an Fertigkeiten gehörte.

„Erzähl mir lieber, wer dein vierbeiniger Freund hier ist“, unterbrach Eve ihre Gedankengänge. Prompt gähnte Bodo herzhaft, bevor er sich zur Seite fallen ließ und weiterschlief.

„Das ist Bodo.“

„Deiner?“

„Anscheinend. Kat“, fügte sie anstelle einer Erklärung hinzu.

„Aaah.“

Eve nickte verständnisvoll, als wäre damit alles klar. Was es irgendwie auch war, wenn man Kat kannte. Mit dem Tierheim, das den passenden Namen Safe Haven trug, hatte sie sich ihren Lebenstraum verwirklicht. Doch sie war klug genug zu wissen, dass es immer wieder Tiere geben würde, die gerettet werden mussten. Also setzte sie alles dran, für ihre aufgenommenen Schützlinge ein neues Für-immer-Zuhause zu finden. Und sie war sehr erfolgreich damit. Mehr als ein Besucher war alleine gekommen und mit einem Vierbeiner im Schlepptau wieder gegangen, geplant oder nicht. Valentina konnte aus dem Stegreif drei Leute aus ihrem Bekanntenkreis aufzählen, denen es so ergangen war.

Zweifelnd betrachtete sie den schlafenden Basset. Sie konnte es immer noch nicht ganz glauben, dass er jetzt zu ihr gehörte.

„Ich war wie jeden Samstag da, um ihr beim Training mit den Neuankömmlingen zu helfen“, fühlte sie sich trotzdem bemüßigt, hinzuzufügen.

Schließlich hatte sie jetzt ausgerechnet einen Basset. Wer schaffte sich schon einen Basset an? Noch dazu einen in die Jahre gekommenen, halb blinden Basset? Diese Hunde stolperten schon wenn sie jung und agil waren, bei jedem zweiten Schritt über ihre unmöglichen, überlang gezüchteten Ohren. Das war ein Hund für einen Clown. Nicht für eine ehemalige Agentin. Sie mochte Schäferhunde. Rottweiler. Ihretwegen auch Mischlinge, so lange sie eine gewisse Größe hatten. Diensthunde jeglicher Art. Gut, vielleicht auch noch Huskys. Die waren so schön stolz und unabhängig. Aber Bassets?

Eve wartete geduldig, bis sie den Faden wieder aufnahm.

„Na ja, Kat meinte schon länger, ich sollte mir doch einen Hund ins Haus holen. Vor allem jetzt, wo…“ Sie brach ab und setzte neu an. „Wie auch immer. Ich war es mir am überlegen. Allerdings hatte ich eher an etwas Größeres gedacht.“

Eve spitzte sofort die Ohren, als sie die Veränderung in Valentinas Körpersprache entdeckte. Die junge Frau schien auf einmal wieder sehr angespannt.

„Langer Rede, kurzer Sinn“, fuhr diese gerade fort, „Bodo ist offensichtlich letzte Woche gefunden worden, wie er alleine im Wald umher stolperte. Natürlich hatte er keine Chance, da draussen so auf sich allein gestellt zu überleben. Mit seinem fehlenden Auge und allem. Mit all seinen Handicaps ist er sehr schwer zu vermitteln. Kat hat ihn aufgepäppelt und beschlossen, dass er von nun an zu mir gehören soll.“

Sie zuckte mit den Achseln.

„Und da sind wir nun beide. Ich nehme an, wir werden uns aneinander gewöhnen.“ Was die Untertreibung des Jahres war. Wenn sie ehrlich war, hatte sie sich in den wenigen Stunden, die sie miteinander verbracht hatten, bereits Hals über Kopf in den seltsamen Hund verliebt. Wenigstens würde sie den heutigen Abend nicht alleine vor dem Fernseher verbringen. Jetzt musste sie nur noch daran arbeiten, dass es ihr nicht peinlich war, mit einem Basset in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Sie war ein schrecklicher Mensch, beschloss sie, als ihr ihre Gedanken bewusst wurden.

Belustigt lehnte sich Eve zurück und nahm einen Cosmopolitan von Miss Minnie in Empfang. Sie ließ sich von Valentinas brüsker Art keine Sekunde lang täuschen. Es war offensichtlich, dass das Mädchen den Hund bereits ins Herz geschlossen hatte. Der Verstand brauchte nur manchmal etwas länger, um zum anderen Organ aufzuholen.

„Klingt nach einer weiteren Erfolgsgeschichte für Kat.“

„Wir werden sehen“, spielte Valentina ihre Gefühle für Bodo hinunter. Darin war sie inzwischen ja Meisterin.

Spontan fasste sie nach Eves behandschuhter Hand.

„Was ist denn mit dir? Kein Chihuahua für dich? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Kat nichts Passendes für dich und Deine Handtasche hat.“

Eve lachte leise.

„Ich bitte dich. Wenn, dann hätte ich einen kleinen, frechen Terrier. Voller Temperament…“

„…und keine Manieren“, vervollständigte Valentina den Satz lachend. „Und weshalb hast Du keinen Terrier? Ein Jack Russell wäre doch genau das Richtige.“

„Ich vermeide es tunlichst, das Tierheim zu besuchen“, antwortete Eve gekünstelt vornehme. Dann senkte sie ihre Stimme zu einem vertraulichen Flüstern. „Schließlich kenne ich mich genau. Vermutlich würde ich mit zwei Katzen, drei Hunden und einer Schildkröte da rausgehen. Aber genug von mir. Jetzt stoßen wir erst einmal an. Auf uns!“

Valentina hob ihr Cocktailglas und prostete Eve zu. Anschließend nahm sie einen Schluck und genoss das prickelnde Gefühl der erfrischenden Flüssigkeit in ihrer Kehle.

„Aaaah… Das nächste Mal fange ich gleich mit dem guten Zeugs an“, murmelte sie und lehnte sich an den Tresen.

Eve nickte beifällig.

„Das ist mal ein guter Vorsatz. Und bringt mich gleich zu meiner ursprünglichen Frage zurück.“

Valentina hob abwehrend beide Hände.

„Lieber nicht. Wollen wir nicht lieber weiter über mögliche vierbeinige Begleiter für dich sprechen? Das ist ein viel sichereres Thema.“

Eve grinste und sogar das sah irgendwie elegant aus.

„Sicherer vielleicht. Aber lange nicht so unterhaltsam.“

„Und wenn wir die möglichen Tierarten auf Hamster oder Koalabären ausweiten? Beide sehr süß, sehr kuschelig…“

„Netter Versuch, aber nein, danke. Erzähl mir, welcher Mann Schuld daran hat, dass du am Samstagnachmittag im Diner vor einem Bier sitzt und vor dich hinbrütest, anstatt dich auf ein heißes Date vorzubereiten. Dein Lover?“

Fast hätte Valentina den letzten Schluck des köstlichen Drinks quer über die Bar gespuckt. Vorsichtig stellte sie das Glas ab und bemühte sich um einen möglichst unbeteiligten Gesichtsausdruck, irgendwo zwischen Langeweile und Belustigung. Ein Kinderspiel. Schließlich hatte sie als Agentin genug oft verschiedene Rollen spielen müssen.

„Mein Lover? Habe ich einen Lover?“

Eve warf ihr einen amüsierten Blick zu und schüttelte leicht den Kopf, als könnte sie nicht recht glauben, was sie da hörte. Okay. Offenbar waren ihre Täuschungstalente etwas eingerostet. Oder Eve um einiges scharfsinniger als der durchschnittliche Kriminelle. Vermutlich eher das.

„Ach, Mädchen, das ist jetzt aber nicht dein Ernst? Du willst mich wirklich für dumm verkaufen?“

Valentina spürte, wie ihr die Röte den Hals hinaufkroch. Verdammt. Nein, das wollte sie natürlich nicht. Höchstens ein bisschen. Aber nachdem diese Option gerade gestrichen worden war, hielt sie vielleicht am besten den Mund und berief sich auf ihr Recht zu Schweigen.

„Falls ja, dann muss ich dir leider sagen, dass dir dazu einige Jahre Übung fehlen.“ Als Valentina immer weiterhin hartnäckig schwieg, fuhr sie fort: „Dein gutaussehender Mitbewohner?“

Valentina bemühte sich um ihre innere Eisprinzessin, sicherlich verbarg sich auch in ihr eine Elsa, auch wenn ihr meist ihr südländisches Temperament dazwischenfunkte und hob fragend die Augenbrauen. Vielleicht erfuhr sie so wenigstens, was die örtliche Gerüchteküche alles bereits wusste beziehungsweise zu wissen glaubte.

Eve beugte sich verschwörerisch vor.

„Du willst mir ernsthaft sagen, dass du Big A noch nie für eine Testfahrt in dein Bett eingeladen hast?“

Der theatralische Flüsterton war laut genug, dass sämtliche Gäste im Umkreis von drei Tischen ihre Frage mitbekamen.

Peinlich berührt warf Valentina einen Blick in die Runde. Sie konnte beinahe sehen, wie alle unauffällig auffällig die Ohren spitzten.

„Eve!“, zischte sie, ihre Eisprinzessinnen-Bemühungen komplett vergessen. Oder von dem Blut, welches durch ihre Ohren rauschten, verdrängt.

„Was?!“, antwortete diese ungerührt. „Wenn ich so ein herrliches Exemplar bei mir zu Hause hätte, wüsste ich auf jeden Fall, was ich zu tun hätte.“ Abwägend legte sie den Kopf schief. „Brauchst du etwa Tipps? Ist es das, was dir Sorgen bereitet?

Valentina spürte, wie sich ein hysterischer Kicheranfall seinen Weg durch ihre Kehle nach oben bahnte. Tipps für ihr Sexleben von einer über neunzigjährigen? Im letzten Moment bekam sie ihre Belustigung unter Kontrolle und hob abwehrend die Hände.

„Nein, nein, ich benötige keine Tipps. Den Teil habe ich im Griff“, ließ sie Eve hastig wissen.

„Aah“, antwortete Eve zufrieden und nippte an ihrem Cocktailglas. „Ich war nicht sicher, ob an den Gerüchten etwas dran war. Offensichtlich doch. Sehr gut.“

Valentina hätte am liebsten mit ihrem Kopf gegen die Tischplatte gehauen. Eve hatte sie geschickt ausmanövriert und sie war wie ein Anfänger in die Falle getappt.

„Es ist kompliziert“, murmelte sie.

„Ach, ist es das nicht immer?“, fragte Eve ungerührt. Sie warf Dagobert einen verstohlenen Blick zu, den dieser finster erwiderte.

Valentina schaute aufmerksam von Eve zu Dagobert und wieder zurück. Zwischen den beiden waren starke Emotionen spürbar. Was wohl die Geschichte dahinter war? Auf den ersten Blick war es fast unmöglich, sich vorzustellen, dass die beiden irgendetwas miteinander zu tun haben könnten. Der alte Säufer schien so gar nicht in Eves Beuteschema zu passen. Auf der anderen Seite waren beide sehr vielschichtige Persönlichkeiten. Mit einer Menge Jahre auf dem Buckel. Wer wusste da schon, was sie zusammen alles erlebt hatten?

Eve wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Valentina zu.

„Also, du hast es im Griff. Heißt das, er ist das Problem?“

Das entlockte Valentina ein überraschtes Lachen.

„Das könnte man wohl so sagen“, schnaubte sie.

Als ihr das spekulierende Funkeln in den Augen der anderen Frau auffiel, fügte sie hastig hinzu: „Nicht in dem Bereich. Da braucht er keine Nachhilfe. Und auch keine medikamentöse Unterstützung.“

„Ha! Du hast wohl Angst, dass er nicht mehr zu dir zurückkommt, wenn ich mit ihm fertig bin.“

So langsam begann Valentina die Unterhaltung Spaß zu machen. Auf jeden Fall war es amüsanter, als mit Bodo einseitige Gespräche zu führen. Sie warf ihm einen Blick zu. Er hatte sich in der Zwischenzeit auf den Rücken gelegt und streckte alle vier Beine in die Luft. Seine langen Ohren lagen wie zwei Flügel links und rechts neben seinem Kopf auf dem Boden. Ein Engel auf vier Pfoten. Aber zurück zu Eve und Big A. Sie grinste, als sie sich vorstellte, wie Eve ihm Nachhilfeunterricht anbot.

„Ich bin sicher, er wäre dir bis ans Ende seines Lebens verfallen“, versicherte sie Eve.

„Das sind sie alle. Nun ja. Fast alle. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel.“

Ihr Blick flitzte wieder in Dagoberts Richtung.

Spannend, spannend, dachte Valentina. Aber ein Thema für einen anderen Tag. Jetzt wollte sie erst einmal von Eves üppigen Lebenserfahrung profitieren. Vielleicht half es ihr tatsächlich, die Situation klarer zu sehen.

„Also gut. Wir sind Freunde. Sehr gute Freunde. Mit gewissen Vorzügen“, sagte sie schließlich. Sie schaute sich im Raum um. „Aber wir wollten es eigentlich für uns behalten.“

„Ja, richtig. Als ob das funktionieren würde in dieser wunderbaren Stadt, wo Klatsch und Tratsch quasi ein Volkssport ist.“

Valentina zog ein wenig den Kopf ein.

„Es war einen Versuch wert.“

Eve ignorierte ihren Ausbruch und hob fragend die Augenbrauen.

„Freunde-mit-gewissen-Vorzügen. Das ist ja wunderbar. Gut für dich.“ Als Valentina ihr nicht sogleich freudig zustimmte, stutzte sie und nickte dann. „Richtig. Offensichtlich nicht so unproblematisch wie es klingt.“

Valentina seufzte.

„Nein. Doch. Ach, ich weiß doch auch nicht. Ursprünglich schien es eine hervorragende Idee zu sein.“ Erinnerungen von Big A’s großem, muskulösen Körper, seinen talentierten Händen und seinen tollen Küssen stürzten auf sie ein. „War es auch“, fügte sie gedankenverloren hinzu.

„Und jetzt?“

Valentina hob den Kopf und schaute Eve direkt in die Augen.

„Auf einmal ist es nicht mehr genug.“

„Oh.“

„Genau. Oh. Und jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll.“

„Was sagt er denn dazu? So, wie er dich jeweils ansieht, wenn ihr zusammen unterwegs seid, hätte ich nicht gedacht, dass er etwas dagegen hätte, eure Beziehung auf den nächsten Level zu heben.“

Überrascht weiteten sich Valentinas Augen.

„Er schaut mich auf eine bestimmte Art und Weise an? Ehrlich?“

Sie schaffte es nicht ganz, die Aufregung in ihrer Stimme zu verbergen. Schlimm. Wie alt war sie? Vierzehn? Es machte ganz den Anschein.

Das dachte Eve offenbar auch. Ganz unladylike verdrehte sie die Augen.

„Was für eine Frage. Er sieht dich definitiv so an, als wärst du das Beste, dass ihm je passiert ist. Alle anderen hält er mit einer deutlichen Warnung im Blick auf Abstand. Ich wette, du wirst nicht oft angeflirtet?“

Valentina runzelte die Stirn.

„Jetzt wo du das sagst…“

„Na, siehst du. Also geh und sprich mit ihm.“

Mit ihm sprechen? Ja, wieso eigentlich nicht. Gut möglich, dass er insgeheim auch von einem Haus und 2.4 Kindern träumte. Oder auch nicht. Valentinas Blick verdüsterte sich.

„Ganz so einfach ist es nicht.“

„Und warum nicht?“

„Weil er in letzter Zeit immer seltener Zuhause ist. Mysteriöse Ausflüge macht. Vorzugsweise abends und nachts.“ Sie schluckte. „Was, wenn er eine andere Frau kennengelernt hat?“

Eve schnaubte.

„Und deshalb hängst du mit Bodo in der Bar rum und bläst Trübsal?“

„Äh, ja?“

War das etwa eine Fangfrage?

Betrübt schüttelte die andere Frau den Kopf.

„Dabei hatte ich gemeint, gehört zu haben, du seist eine erfolgreiche FBI-Agentin gewesen.“

„War ich auch“, protestierte Valentina.

„Tatsächlich? Und weshalb findest du dann nicht heraus, was dein Lover so umtreibt? Ich hätte gedacht, das wäre ein Kinderspiel für dich.“ Eve schaute sie herausfordernd an.

„Du meinst, ihn beschatten?“

Eve nickte ungerührt. Valentina biss sich auf die Lippen, während sie den Vorschlag in ihrem Kopf hin und her drehte. Wieso eigentlich nicht?

Vielleicht, weil du die Antwort lieber nicht kennen willst?, flüsterte eine Stimme in ihrem Hinterkopf. Entschlossen schob sie den Einwand weg. Alles war besser, als dieses ewige Spekulieren.

Spontan beugte sie sich vor und küsste die ältere Frau auf die Wange.

„Gute Idee. Ausgezeichnete Idee.“

Eve lachte leise.

„Das habe ich schon ein-, zweimal gehört in meinem Leben.“

„Das glaube ich dir sofort. Danke! Ich muss los.“

Zufrieden nickte Eve.

„Schon viel besser. Viel Glück.“

Bodo, der die Aufbruchsstimmung spürte, kam auf die Füße und schüttelte sich, dass die Ohren schlackerten. Vorsichtig mit dem Schwanz wedelnd beobachtete er seine neue Besitzerin. Er war sich noch nicht ganz sicher, ob sie ihn auch tatsächlich mitnehmen würde. So viel hatte sich in letzter Zeit in seinem Hundeleben verändert, dass er seinem Glück nicht ganz traute.

Sein abwartender Gesichtsausdruck brach Valentina fast das Herz. Sie beugte sich hinunter und strich ihm über den Kopf.

„Keine Angst. Du gehörst jetzt zu mir.“

Bei ihrer liebevollen Berührung entspannte sich der Hund sichtlich. Sie mit seinem gesunden Auge sorgfältig im Blick haltend, folgte er ihr durchs Diner zur Tür.

Eve drehte sich um und winkte Miss Minnie zu sich heran.

„Ja?“

„Ich würde gerne meinen Wetteinsatz erhöhen.“

„Dachte ich mir schon“, antwortete Miss Minnie, der so schnell nichts entging, grinsend und zog ein schwarzes Notizbuch aus ihrer Schürze.

Rocky Mountain Crime, © 2017 by Virginia Fox (Band 11 der Rocky Mountain Serie)

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